Hilfe für die Vergessenen

Als Kenia 2011 durch eine der längsten Dürren in den Würgegriff genommen wurde, traf es die Menschen in den ländlichen Regionen am schlimmsten. Die kaum vorhandene Medizinische Versorgung reichte absolut nicht mehr aus. Die Krankheiten, die direkte Folgen des Wassermangels sind, brachen aus und blieben unbehandelt. Die Menschen hatten das Gefühl vergessen zu werden. Carola Gerhardinger war mit dem zweiten Team von LandsAid vor Ort, um den Menschen die Hoffnung auf Hilfe wieder zu geben. In diesem Tagebuch berichtet sie von Ihren Erlebnissen.
Freitagmittag ging es nun endlich los. Nach unserem Briefing am Münchener Flughafen ging unsere Reise über Kairo nach Nairobi, wo wir von Christian (dem Projektassistenten) um 4.30 morgens abgeholt und ins Guest House gebracht wurden.
Nach ein paar Stunden Schlaf checkten wir unser Material und besorgten noch Notwendiges in Nairobi, bevor es am nächsten Tag in das 6 Stunden entfernte Garissa weiter ging. Dort lernen wir dann auch Peter (den Projektkoordinator) kennen, der vor Ort alles organisiert hatte, damit wir am nächsten Morgen auch gleich mit der Versorgung von Patienten starten konnten.

Die letzten beiden Tage sind wir in das von Garissa ca. 30 Min entfernte Anole gefahren, wo unser Vorgängerteam bereits mit der Versorgung begonnen hatte. Dort haben wir, während Christian und Peter sich im Gesundheitsministerium um die Planung unseres nächsten Einsatzortes kümmerten, über 100 Patienten im Alter zwischen 3 Tagen und 75 Jahren behandelt. Dabei war die Sprache – teils Kisuaheli, teils Somali oder einer der verschiedenen dort vorkommenden Dialekte- eine besondere Schwierigkeit, die sich aber dank der zahlreichen Übersetzer gut lösen ließ.

Wir begegnen hier den Auswirkungen der Dürre auf die Menschen: Mancher erwachsene Mann wog unter 50 kg, ein zehn-jähriger Junge zum Beispiel nur 18 kg. Morgen werden wir in die eine Tagesreise entfernte Wajir fahren. Dort ist nach unseren Informationen die Not der Dürreopfer noch wesentlich größer und der Bedarf unserer Arbeit entsprechend höher.

Bis bald!

Unsere Fahrt von Garissa nach Giriftu über Wajir gestaltete sich abenteuerlich. Auch wenn es nun keine asphaltierte Straße mehr gab, hatten wir gedacht, wir könnten die 360 km nach Griftu gut an einem Tag schaffen.
Bis oben hin voll bepackt mit Medizinkisten, Wasserflaschen und unseren persönlichen Gepäck wurden wir in unseren gemieteten Landcruiser anständig durchgeschüttelt. Plötzlich, nach einer besonders großen Bodenwelle, horcht unser Fahrer auf und meinte: „funny noise“. Er hielt an und machte sich dran, die Ursache für dieses beängstigende Geklapper unter dem Wagen ausfindig zu machen. Es war die Bremsbacke, die sich gelockert hatte, und nun gegen die Bremstrommel schlug.

Mit gedrosselten Tempo fuhren wir schließlich weiter, bis wir an einem Polizeicheckpoint, mitten im Nirgendwo der Sandwüste Hilfe fanden. So dachten wir jedenfalls.
Drei freundliche junge Männer machten sich daran, den Wagen behelfsmäßig zu reparieren, bauten die beschädigte Vorderbremse aus, damit wir – wie sie meinten – mit der auf 3 Rädern verteilten Bremswirkung weiterfahren könnten. Damit war das Problem aber mitnichten kleiner geworden, da bei diesem Reparaturversuch die Bremsflüssigkeit auslief.

Was tun? Mitten in der Wüste auf Hilfe zu hoffen war illusorisch, uns blieb nichts anderes übrig, als langsam weiter zu fahren, bis nach Haberswein, wo wir in einer kleinen Werkstatt einen zweiten Reparaturversuch starteten.
Inzwischen war so viel Zeit vergangen, dass die Dämmerung nahte. Wir mussten uns also eine Übernachtungsmöglichkeit suchen, da eine Weiterfahrt in der Nacht zu gefährlich geworden wäre.

Ausgeschlafen und guter Dinge machten wir uns anderntags auf die Weiterfahrt. Diesmal war es ein „pretty funny noise“ (wie es unser Fahrer kommentierte), das uns aufschreckte. Trotzdem erreichten wir Wajir unbeschadet.
Hier gab es ein richtige Werkstatt und für das Team köstliche Fruchtsäfte, die wir dankbar während einer Besprechung mit Dr. Onada, dem sympathischen jungen Leiter der Gesundheitsbehörde des Districtes Wajir West, genossen. Wir erhielten von ihm viele nützliche Informationen über endemische Krankheiten in der Region, die Versorgungssituation und allerlei statistische Zahlen. Auch einen Termin im Krankenhaus von Griftu arrangierte der freundliche Doktor für uns, den wir morgen wahrnehmen wollen.

Daraufhin machten wir uns auf zu unserer Unterkunft, die man uns in einem Trainingscenter für Hirten bereitgestellt hat. Jetzt müssen wir uns beeilen, unser medizinisches Equipment für morgen zu richten, bevor die Sonne untergeht, da wir keine Elektrizität haben. Auch die Tanks aus denen wir unser Brauchwasser holen, sind fast leer, so sagt man uns.

Bis morgen!

Heute früh ging es zuerst zum Krankenhaus in Giriftu, wo man uns Labor, Krankenhausapotheke, Entbindungszimmer und einige Krankenzimmer zeigte. Darüber hinaus wurden wir über typische Krankheitsbilder der Region informiert. Zu unserer Überraschung ist das sich noch im Aufbau befindliche Krankenhaus für hiesige Verhältnisse relativ gut ausgestattet (Medikamente, Diagnostik).
Ganz im Gegensatz zu den dezentral gelegenen medizinischen Versorgungsstationen, für die kein Personal mehr zu finden ist und die deshalb größtenteils geschlossen sind.
Direkt vom Krankenhaus aus machten wir uns zur ebenfalls seit geraumer Zeit geschlossenen Versorgungsstation Mathow auf, um einen ersten Einsatz für den morgigen Tag mit den dortigen Dorfältesten zu besprechen.

Viele Grüße!


Gespannt, was uns heute in Mathow erwartet, sehen wir schon bei der Anfahrt von weitem die wartenden Patienten vor dem Gebäude. Wie freuen wir uns, als man uns die Räumlichkeiten, in denen wir behandeln können, öffnet: Alles wurde für uns blitzblank hergerichtet, so dass wir uns wirklich willkommen fühlen können und gleich loslegen. Die medizinische Versorgung dagegen scheint hier sehr vernachlässigt worden zu sein, der Gesundheitszustand der Menschen ist erschreckend.

Wir behandeln an diesem Tag über 120 Patienten, von Wurmerkrankungen bis zu großen Abszessen, von Durchfallerkrankungen bis zu Kala Azar (Leishmaniose, eine von Sandmücken übertragene Infektionskrankheit). Es sind auch einige Malariaverdachtsfälle und schwere Staphylokokken Infektionen der Haut darunter. Auffällig viele gravierende Mittelohr–, Mandel–, Bindehautentzündungen sowie Bronchitiden zeugen von der Not unseres Einsatzes.

Kein Wunder, haben die Menschen hier doch aufgrund der Dürre nicht einmal ausreichend Wasser zum Trinken, geschweige denn, um sich zu Waschen; Gemüse und Obst gibt es überhaupt nicht. Um an Wasser zu kommen, müssen die Frauen hier einen ganzen Tagesmarsch auf sich nehmen, weshalb auch nicht verwunderlich ist, wie viele von ihnen unter Rücken – und Hüftgelenksbeschwerden leiden.

Liebe Grüße aus einem sehr staubigen Giriftu!

Heute geht unsere Fahrt nach Adanavale, eine Nomadensiedlung, ca. 60 km von unserem Basislager in Giriftu entfernt, die wir in einer guten Stunde über holprige Sandpiste erreichen. Damit wir die Schule für die Patientenversorgung nutzen können – ein anderes Gebäude gibt es nicht – fällt heute für die Kinder der Unterricht aus. Ein Großteil von ihnen benötigt ohnehin medizinische Hilfe.

Wir sind zunächst erstaunt über die beiden Uniformierten, die bewaffnet mit Sturmgewehren vor der Schule Stellung bezogen haben. Diese wurden extra aus dem Nachbarort abgestellt, für den Fall, dass es zu einem Aufruhr käme, falls wir nicht alle Patienten an diesem Tag versorgen könnten. Eine Sorge, die sich im Nachhinein jedoch als völlig unbegründet herausstellen wird.

Der Gesundheitszustand der Patienten ist gelinde ausgedrückt katastrophal: Da ist das 6jahrige Mädchen, das nach Komplikationen einer schweren Mittelohrentzündung ertaubt ist, der 16-Jährige der seit einer Hirnhautentzündung spastische Lähmungen hat und immer wieder große epileptische Anfälle bekommt. Wenn er seine Medikamente einnimmt, ist er anfallsfrei – wir versprechen diese für ihn zu besorgen, was uns auch schon am nächsten Tag gelingt!

Wir sehen an diesem Tag erschreckend viele Patienten mit eitrigen Mittelohrentzündungen, sowohl Kinder als auch Erwachsene. Eitrigen Augenentzündungen, Durchfallerkrankungen und unter- sowie mangelernährte Patienten, sind leider keine Seltenheit. Nur alle 3 Monate, teils auch seltener, kommt hier eine Krankenschwester (nur manchmal ist ein Arzt dabei) vorbei. Die Wassertanks vor Ort werden während der Dürrezeiten alle 2 bis 3 Monate von Tankwagen betankt, zurzeit sind sie leer.

Mit so viel Elend konfrontiert macht sich manchmal das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht breit in unserem Team, sowie Wut und tiefe Traurigkeit. Doch wenigstens können wir ein wenig helfen und geben den Menschen das Gefühl, dass sie nicht vergessen sind.

Um noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Griftu zu sein, müssen wir schließlich doch unsere Arbeit abbrechen, auch wenn wir nicht alle der Wartenden versorgen konnten. Insgesamt waren es jedoch 111 Patienten.

Viele Grüße nach Deutschland!

Bevor wir heute noch einmal nach Adanawale aufbrechen, fahren wir zu einem Meeting mit der lokalen Gesundheitsbehörde des Bezirks Wajir West. Wir wollen die weitere Einsatzplanung besprechen und sehen, inwiefern es die Möglichkeit gibt, unseren Medikamentenvorrat, der gestern sehr strapaziert wurde, aufzustocken. Hatte man uns doch berichtet, an Medikamenten mangele es ihnen weniger, vielmehr an Personal.

Hier überfällt man uns gleich mit der Botschaft, sie hätten einen Funkspruch aus dem Ort Basir erhalten, man benötige dort dringend medizinische Hilfe und nach der Schilderung der Krankheitssymptome, befürchte man eine Malariaepidemie. Man bittet uns, unseren Einsatz in Adanawale zu verschieben und stattdessen nach Basir zu fahren, was wir natürlich tun.

Der Weg nach Basir führt durch Adanawale, so dass wir die Leute dort informieren können. Begleitet werden wir von einem Wagen von Islamic Relief, einer hiesigen Hilfsorganisation für Bedürftige und Partnerorganisation von LandsAid. Wir brechen erst um kurz vor zehn nach Basir auf, eigentlich schon fast zu spät für einen Einsatz in einem 140 km entfernten Ort.

Nach knapp drei Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel, einen Ort, wie er unwirtlicher nicht sein könnte. Da es hier durch die lange Trockenheit keine Bäume mehr gibt, die Schatten spenden oder Wind bremsen könnten, ist die Luft ausgesprochen heiß und staubig. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, werden wir von dem feinen Sand, der durch die starken Windböen aufgewirbelt wird, eingehüllt. Wir beginnen, uns notdürftig in den Räumen der leerstehenden Dispensary einzurichten – hier fehlt es an allem, nur nicht an Patienten, denn die kommen, während wir noch überlegen, wie wir ohne jegliches Mobiliar arbeiten sollen, in Scharen von allen Seiten.

Am Ende dieses anstrengenden Arbeitstages, den wir die meiste Zeit auf einer großen Matte auf dem Boden hockend verbringen, ist klar, dass es sich glücklicherweise nicht um eine Malaria-Epidemie handelt. Aber auch hier ist der Gesundheitszustand der Menschen aufgrund der langanhaltenden Dürre unglaublich schlecht.

Bis bald!

Doch wenigstens können wir ein wenig helfen und geben den Menschen das Gefühl, dass sie nicht vergessen sind!Carola Gerhardinger - 2011 für LandsAid in Kenia
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