Über ein Jahrzehnt Krieg – das Leid der Menschen geht weiter
Humanitäre Katastrophe im Jemen – warum die Welt hinschauen muss
Zwischen Hunger und Hoffnung
März 2026 – Am 26. März dieses Jahres jährt sich der Krieg im Jemen zum elften Mal. Was als innerstaatlicher Konflikt begann, ist längst zu einer der schwersten humanitären Katastrophen unserer Zeit geworden. Nach über einem Jahrzehnt Krieg, wirtschaftlichem Zusammenbruch, zerstörter Infrastruktur und anhaltender Unsicherheit sind schätzungsweise mehr als 22 Millionen Menschen – rund zwei Drittel der Bevölkerung – auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Lage bleibt extrem kritisch: Lebensmittelpreise sind hoch, das Gesundheitssystem kollabiert vielerorts, und immer mehr Menschen können ihren Grundbedarf nicht decken, während internationale Unterstützung auf einem Tiefstand bleibt und große Teile der Weltöffentlichkeit den Jemen kaum noch wahrnehmen.
Seit 2017 unterstützen wir die Menschen im Jemen durch eine Vielzahl von Projekten, die unsere lokale Partnerorganisation Human Needs Development (HND) vor Ort umsetzt. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Verbesserung der Ernährungssituation – insbesondere in Regionen mit besonders hoher Armut und Hungerbelastung wie Hodeidah, Sanaa, Aden oder Ibb. Dort haben sich viele Binnenvertriebene niedergelassen, und die tägliche Not ist für Familien und Kinder existenziell.
Erneut haben wir, auch im Auftrag von Aktion Deutschland Hilft, mit HND-Geschäftsführer Adel Hashem gesprochen, um zu erfahren, was sich seit letztem Jahr verändert hat – und welche Auswirkungen der aktuelle Nahost-Konflikt auf die Lage im Jemen hat.
Im vergangenen Jahr haben wir über zehn Jahre Krieg gesprochen und darüber, dass der Jemen zu den vergessenen Krisen zählt. Hat sich seither etwas verändert?
Adel: Leider ist der Jemen nach wie vor eine vergessene Krise. Und in mancher Hinsicht hat sich die Lage sogar noch verschärft.
Es ist jetzt mehr als zehn Jahre her, dass der Krieg im März 2015 eskaliert ist. Und der Jemen zählt immer noch zu den größten humanitären Krisen auf unserer Welt. Fast zwei Drittel der Bevölkerung brauchen dringend humanitäre Hilfe – das sind zwischen 20 und 22 Millionen Menschen. Über 18 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen, Millionen von Kindern sind unterernährt.
Was sich im letzten Jahr geändert hat, ist, dass die humanitären Mittel drastisch zurückgegangen sind. Deswegen sind Hilfsorganisationen dazu gezwungen, die Nahrungsmittelhilfe, die Gesundheitsversorgung und Ernährungsprogramme zu kürzen. Das heißt: Die Bedürfnisse und die Not der Menschen wachsen, gleichzeitig können die humanitären Akteure weniger darauf reagieren, weil das Geld fehlt.
Auch weil es im Moment so viele andere Krisen auf der Welt gibt?
Adel: Ja, die weltweite Aufmerksamkeit hat sich auf andere internationale Krisen wie die in der Ukraine, im Gazastreifen und im Sudan verlagert. Der Jemen bekommt dadurch noch weniger Aufmerksamkeit in Medien und Politik, obwohl das Leid so groß ist.
Viele Jemeniten haben das schmerzhafte Gefühl, von der Welt vergessen zu sein, während sie weiterhin jeden Tag unter Hunger, Armut und Unsicherheit leiden.
Verschärft die aktuelle Lage im Nahen Osten das zusätzlich?
Adel: Ja, Entwicklungen im gesamten Nahen Osten wirken sich auf die humanitäre und wirtschaftliche Lage im Jemen aus – zwar indirekt, aber trotzdem erheblich.
Ein Beispiel: Der Jemen ist bei lebenswichtigen Gütern wie Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff stark auf Importe angewiesen. Das Land importiert sogar den Großteil seiner Lebensmittel. Das heißt, die Störungen auf den regionalen Handelswegen und in den Transportnetzen und auch steigende Transportkosten machen sich auf den lokalen Märkten im Jemen bemerkbar. Die Waren werden teurer. Für die, die sich sowieso schon nur das Nötigste leisten können, ist das sehr schwierig. Für eine Bevölkerung, die schon mehr als ein Jahrzehnt der Krise hinter sich hat, können selbst kleine Störungen große humanitäre Folgen haben.
Wie würdest Du das Leben im Jemen aktuell jemandem beschreiben, der noch nie dort war?
Adel: Das Leben im Jemen ist heute für viele Familien sehr schwierig. Besonders natürlich für diejenigen, die von Armut und Vertreibung betroffen sind.
Für Millionen von Menschen dreht sich der Alltag darum, die grundlegendsten Bedürfnisse zu erfüllen. Viele Familien beginnen ihren Tag mit der Sorge, ob sie heute genug zu essen für ihre Kinder haben werden. Mehl, Reis, Speiseöl, Treibstoff und Medikamente werden immer teurer, die Einkommensmöglichkeiten sind aber nach wie vor sehr begrenzt.
Der Zugang zu sauberem Wasser ist in vielen Regionen des Landes schwierig. Manche Familien müssen weite Strecken zurücklegen, um an sicheres Trinkwasser zu gelangen oder welches kaufen – eine weitere finanzielle Belastung.
Wie ist es bei Gesundheit und Bildung?
Adel: Das Gesundheitssystem ist durch jahrelange Kriege und wirtschaftliche Not stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Viele Krankenhäuser und Kliniken sind zwar weiterhin in Betrieb, haben aber meistens nicht genug Medikamente, Ausstattung oder qualifiziertes Personal. Die Menschen müssen häufig weite Wege zum nächsten Krankenhaus zurücklegen oder viel Geld für medizinische Behandlungen bezahlen.
Auch das Bildungswesen leidet stark. Viele Schulen sind beschädigt oder haben nicht genug Ressourcen. Und Millionen Kinder im Jemen gehen sowieso nicht in die Schule, weil die wirtschaftliche Not so groß ist, dass sie arbeiten müssen, damit die Familie irgendwie über die Runden kommt.
Was brauchen die Menschen?
Adel: Der humanitäre Bedarf ist sehr unterschiedlich, aber drei Arten von Hilfe werden besonders dringend gebraucht. Das erste ist die Nahrungsmittelhilfe. Wie schon erwähnt, ist das ein gravierendes Problem im Land. Durch Lebensmittelverteilungen und Bargeldhilfen können Familien sich mit Grundnahrungsmitteln versorgen. So verhindern wir Hunger und Unterernährung.
Das zweite ist Gesundheitsversorgung, wozu auch Ernährungsdienstleistungen zählen, für Menschen, die schon unterernährt sind. Indem wir die Gesundheitsversorgung und mobilen Kliniken stärken, verhindern wir Todesfälle.
Und als drittes: Die Lebensgrundlagen sichern. Das bedeutet, die Menschen dabei zu unterstützen, wieder ein eigenes Einkommen zu haben. Krieg und Wirtschaftskrisen haben viele kleine Unternehmen und viele Jobs zerstört. Berufliche Bildung, kleine Unternehmen fördern und Unterstützung in der Landwirtschaft helfen da. Wenn die Menschen wieder ein Einkommen haben, können sie Lebensmittel kaufen, ihre Kinder zur Schule schicken und ihr Leben neu aufbauen, ohne vollständig auf humanitäre Hilfe angewiesen zu sein. Sie kriegen ihre Unabhängigkeit zurück.
Es geht also trotz akuter Not auch um langfristige Hilfe?
Adel: Nothilfe ist entscheidend. Sie rettet Leben und hilft Familien, Krisen zu überstehen. Aber die Bedürfnisse gehen darüber hinaus. In den letzten Jahren haben viele Menschen ihre Existenzgrundlage verloren.
Wenn sich humanitäre Hilfe nur auf kurzfristige Nothilfe konzentriert, bleiben die Gemeinden möglicherweise über lange Zeit von Hilfe abhängig. Deswegen ist auch langfristige Hilfe so wichtig.
Dazu gehört auch, die lokalen, zivilgesellschaftlichen Organisationen zu stärken. Sie kennen die spezifischen Bedürfnisse ihrer Gemeinden und haben oft besseren Zugang zu abgelegenen oder unterversorgten Gebieten. Wir als lokale gemeinnützige Organisation spielen eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, Hilfe bereitzustellen, Bedarfe zu erfassen und die Menschen widerstandsfähiger zu machen.
Kurz gesagt: Die Verbindung von akuter und langfristiger Hilfe ebnet unseren Gemeinschaften den Weg zu Wiederaufbau und Stabilität.
Du hast es gerade schon gesagt: Du bist seit vielen Jahren mit der HND vor Ort und hilfst. Wofür habt Ihr Euch eingesetzt?
Adel: Im Laufe der Jahre haben wir Programme und Projekte in verschiedenen Bereichen umgesetzt. Dadurch konnten wir Zehntausenden von Familien und Einzelpersonen dabei helfen, ihr Leben wieder aufzubauen.
HastHast Du ein Beispiel?
Adel: Ein Beispiel ist unser Berufsbildungsprojekt, das von LandsAid finanziert ist. Junge Männer und Frauen bilden sich in den gefragtesten Jobs fort: Reparatur von Mobiltelefonen, Elektroinstallation, Tischlerei, Schneiderei, Kunsthandwerk und Wartung von Solaranlagen. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen verdienen danach damit ihr eigenes Geld und können ihre Familien versorgen.
In einem anderen Projekt haben wir ländliche Haushalte dabei unterstützt, ihre Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern. Dazu gehören Schulungen, fachliche Beratungen und praktische Unterstützung.
Auch wenn der humanitäre Bedarf nach wie vor sehr groß ist, haben wir viele Menschen gesehen, die diese Möglichkeiten genutzt haben. Die kleine Unternehmen gegründet haben, ihre Lebensbedingungen verbessert haben und wieder Hoffnung für die Zukunft schöpfen. Das macht uns Mut.
Was bereitet Dir Sorgen?
Adel: Meine größte Sorge ist, dass der humanitäre Bedarf im Jemen zunimmt, während die internationale Aufmerksamkeit und die Finanzmittel weiter zurückgehen.
Millionen von Menschen sind nach wie vor extrem gefährdet. Viele Familien sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, um ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu decken, und Kürzungen bei den Hilfsprogrammen könnten dazu führen, dass viele Menschen ohne Unterstützung dastehen.
Was ist Deine Hoffnung?
Adel: Meine größte Hoffnung ist, dass die Bevölkerung hier in Frieden, Stabilität und Würde leben können, genau wie andere Menschen in anderen Ländern der Welt. Ich hoffe auf eine Zukunft, in der jemenitische Familien nicht mehr in Angst, Hunger oder Unsicherheit leben müssen. In der Kinder sicher zur Schule gehen können, die Eltern einen angemessenen Lebensunterhalt verdienen und die Gemeinden ihre Häuser und Lebensgrundlagen wieder aufbauen können.
Ich appelliere an die internationale Gemeinschaft, uns und den Bedürfnissen der Menschen hier Beachtung zu schenken. Damit humanitäre Hilfsorganisationen weiter Leben retten können.





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Elf Jahre Krieg – Millionen Menschen im Jemen hungern, viele Kinder sind unterernährt.
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Der Jemen ist das ärmste Land der arabischen Halbinsel. Seit mittlerweile elf Jahren tobt ein Stellvertreterkrieg zwischen Huthi-Rebellen unterstützt vom Iran auf der einen Seite und Regierungstruppen unterstützt von Saudi-Arabien auf der anderen.
Nach jüngsten Berichten sind aktuell mehr als 22 Millionen Menschen – etwa zwei Drittel der jemenitischen Bevölkerung – auf humanitäre Hilfe und Schutz angewiesen.
Hunger und mangelnde Ernährungssicherheit betreffen weiterhin große Bevölkerungsgruppen. In vielen Gebieten leiden Familien unter unzureichendem Zugang zu Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und grundlegender medizinischer Versorgung, besonders in Konflikt‑ und Binnenvertriebenen‑Gemeinschaften.
Im Jemen leben über 4,5 Millionen Binnenvertriebene, viele von ihnen mehrfach vertrieben, in beengten Unterkünften mit stark eingeschränktem Zugang zu grundlegenden Diensten.
Das ohnehin fragile Gesundheitssystem ist weiterhin stark belastet: nur rund 60 % der Gesundheitseinrichtungen gelten als voll funktionsfähig und vielerorts fehlen Medikamente, qualifiziertes Personal und Versorgungskapazitäten.
Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen bleibt kritisch: Mehrere Quellen gehen davon aus, dass etwa 15 Millionen Menschen keinen zuverlässigen Zugang zu sicherem Trinkwasser oder adäquaten Sanitäranlagen haben, was Krankheitsrisiken erheblich verstärkt.
Auch die Bildungssituation ist prekär: Zahlreiche Schulen sind beschädigt oder nicht ausreichend ausgestattet, und eine hohe Zahl von Kindern kann nicht regelmäßig am Unterricht teilnehmen – die genauen aktuellen Zahlen variieren, aber Bildungsungleichheit bleibt ein zentrales Problem.


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